WM 2018: Die Niederlage gegen Mexiko in der Analyse

Das erste Spiel der deutschen Mannschaft gegen Mexiko sollte eigentlich den Auftakt der Mission Titelverteidigung darstellen. Nach der 0:1-Niederlage stehen die Zeichen dagegen bereits auf Weltuntergang. Wo die deutsche Mannschaft Schwächen gezeigt hat und was sich bis zum Spiel am Samstag gegen Schweden ändern muss, lest Ihr hier.

Defensives Tohuwabohu

Die Defensive war in den letzten beiden Turnieren der große Trumpf der Löwschen Mannschaft. Im Schnitt kassierte Deutschland bei der WM 2014 und der EM 2016 nur sagenhafte 0,53 Gegentore pro Spiel. Die Protagonisten hießen auch damals Neuer, Boateng, Hummels, Kroos und Khedira. Einzig Bastian Schweinsteiger hat von den zentralen Figuren der deutschen Defensive seine Karriere in der Nationalmannschaft beendet. Auf der Außenbahn übernahm Joshua Kimmich vor der EM 2016 auf rechts den Staffelstab von Philipp Lahm, während die linke Seite im deutschen Team traditionell von wechselnder Belegschaft verteidigt wird.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Abwehr der Mannschaft gegen Mexiko derart uneingespielt und schlecht gestaffelt wirkte. Vor allem Sami Khedira zeigte ein äußerst schlechtes Spiel und auch Toni Kroos konnte nie wie gewohnt den richtigen Abstand zwischen Innenverteidigung und Mittelfeld herstellen. Auf der linken Seite erwischte Marvin Plattenhardt in seinem ersten großen Auftritt für die Deutsche Fußball Nationalmannschaft offensiv wie defensiv einen rabenschwarzen Tag und stellte seine Kollegen durch sein Stellungsspiel regelmäßig vor große Aufgaben.

Stellungsfehler gefällig? Bitteschön!

Da die linke Seite im deutschen Offensivspiel völlig ignoriert wurde, versuchte Joshua Kimmich über rechts in Zusammenarbeit mit Thomas Müller und Mesut Özil immer wieder für Überzahlsituationen zu sorgen. Darauf war Mexiko allerdings eingestellt, sodass die offensive Ausrichtung von Kimmich ein ums andere Mal Raum für Konter schaffte. Zu sehen ist das beim 1:0 für Mexiko.

Die Deutschen verlieren mit Sami Khedira (1) den Ball im gegnerischen Drittel. Das ist eigentlich kein Problem, kommt in einem Fußballspiel praktisch dauernd vor und wird auch eher selten direkt bestraft, da wir uns doch rund 70 Meter vom eigenen Tor entfernt befinden. Die deutsche Mannschaft macht in dieser Szene jedoch bereits beim Ballverlust zu viele Fehler.

Thomas Müller (2) sichert für Sami Khedira zwar gut ab. Direkt nach dem Ballverlust orientiert er sich allerdings nur in Richtung des ballführenden Spielers, statt nach hinten zu rücken und den Konter zu verlangsamen.

Joshua Kimmich (3) steht näher zum Tor als sein direkter Gegenspieler und späterer Torschütze Hirving Lozano. Das ist ein legitimes Mittel, um die gut stehende Defensive Mexikos unter Druck zu setzen. In dieser Situation steht für Kimmich jedoch wenig Absicherung nach hinten bereit, da Thomas Müller (2) bereits für den nach vorne gedribbelten Sami Khedira aushelfen muss.

Toni Kroos (4) steht etwas zu weit links und müsste bei den Sturmläufen von Khedira und Kimmich mehr ins Zentrum rücken, um beim schnellen Umschaltspiel der Mexikaner besser reagieren zu können. Durch eine zentralere Positionierung müsste auch Müller nicht so weit im defensiven Zentrum aushelfen und könnte Kimmich besser absichern.

Marvin Plattenhardt (5) steht auf der ballfernen Seite im absolut leeren Raum und ist auch nicht anspielbar. Auch das ist nicht unbedingt ein weltbewegender Fehler. Durch das Aufrücken von Joshua Kimmich auf der rechten Seite darf er dieses Risiko jedoch auf keinen Fall eingehen.

Einzig Mesut Özil (6) kann beim Konter Mexikos rechtzeitig umschalten und versucht, die vakante rechte Seite abzudecken. Durch die Positionierung von Khedira, Kimmich und Müller herrscht in der deutschen Formation jedoch bereits relativ großes Chaos, da Özil nicht als herausragender Rechtsverteidiger bekannt ist.

Boateng (7) und Hummels (8) stehen richtig und kümmern sich bereits leicht nach rechts versetzt um Stürmer Javier Hernandez.



Beim Umschalten verfügt Mexiko mit Javier Hernandez über einen herausragenden Ballverteiler im Sturmzentrum. Dieser reagiert blitzschnell und nimmt durch eine einfache Ablage Mats Hummels (1) aus dem Spiel, der sich zu energisch Richtung Ball orientiert statt den Konter erst einmal durch geordnetes Zurücklaufen zu verlangsamen.

Absicherer Mesut Özil (2) lässt Passempfänger Andres Guardado zu viel Platz.

Joshua Kimmich (3) läuft bereits jetzt dem für seine Schnelligkeit bekannten Herving Lozano hinterher.

Thomas Müller (4) ist durch sein Pressing gegen den ballführenden Spieler nach dem Ballverlust von Khedira bereits aus dem Spiel genommen.

Julian Draxler (5) macht immerhin den direkten Passweg zurück ins Zentrum dicht, kann aber gegen Guardado und Hernandez nicht eingreifen.

Toni Kroos (6) hält seine Position leicht links versetzt im Mittelfeld. Das ist in dieser Szene vertretbar, da Marvin Plattenhardt (7) auch defensiv im absoluten Nichts steht und zwei Mexikaner zum Sturmlauf auf der rechten Seite ansetzen, die Kroos somit alleine verteidigen muss.

Jerome Boateng (8) befindet sich als einziger Spieler in der eigenen Hälfte. Bei einer optimal abgestimmten Defensive müsste Boateng mit dem herausrückenden Hummels zur Mittellinie vorrücken. In dieser Szene spielt das allerdings keine Rolle, da sich Boateng unabhängig davon allein auf weiter Flur befindet.



Durch einen cleveren Pass von Guardado läuft Hernandez auf den allein gelassenen Jerome Boateng (1) zu, der in der Rückwärtsbewegung alles richtig macht und den direkten Weg zum Tor versperrt.

Rechts im Bild verfügt Hirving Lozano über ungefähr 15 Meter Vorsprung auf Joshua Kimmich (2). Beim Zurücklaufen erhält der Rechtsverteidiger des FC Bayern München deshalb eine glatte 6.

Toni Kroos (3) verfügt nicht über die Sprintschnelligkeit, um den Stürmer wirklich unter Druck zu setzen.

Zu Marvin Plattenhardt (4) ist eigentlich bereits alles gesagt, deshalb nur fürs Protokoll: Er steht im Nichts.

Mesut Özil (5), der immerhin gut zurückläuft, orientiert sich zu sehr Richtung Ball und lässt dadurch zu viel Abstand zu Lozano entstehen.



Beim Abschluss von Lozano lässt Manuel Neuer die kurze Ecke minimal zu weit offen. Mesut Özil ist zu sehr darauf bedacht, keinen Elfmeter zu verursachen und Toni Kroos kommt schlicht und einfach zu spät.

Noch mehr Fehler

Das 1:0 war jedoch nicht das einzige Beispiel für die konfuse deutsche Defensive. Auch nach einem missglückten Kopfball von Mats Hummels stehen die für einen Konter entscheidenden Spieler der Mexikaner völlig frei.

Rechtsverteidiger Carlos Salcedo (1) wird beim Kopfball nicht gestört.

Spielmacher Andres Guardado (2) verfügt über mehr Freiraum als viele Wohnungen der Münchner Innenstadt.

Carlos Vela und Javier Hernandez (3) verfügen bereits über mehrere Meter Vorsprung auf dem Weg zum deutschen Tor.


Einzig der ungenaue Pass von Hernandez, der für Carlos Vela einen halben Meter zu weit in Richtung Tor gespielt wurde, verhindert in dieser Szene schlimmeres. Positiv zu erwähnen ist erneut die Rückwärtsbewegung von Boateng. Der Innenverteidiger war auch hier auf der Höhe und kann den direkten Weg zum Tor zustellen.

Offensiv fehlt das Tempo

Auch die Offensive hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Während Mexiko mit schnellem Umschaltspiel immer wieder Überzahlsituationen kreieren konnte, entwickelte sich für die deutsche Mannschaft mehr und mehr ein Geduldsspiel. Das langsame Aufbauspiel kam den Mexikaner dabei entgegen – so wurde je nach Situation auch gerne eine Sechserkette am eigenen Strafraum aufgebaut.

Im Sturmzentrum stellte Joachim Löw mit Timo Werner einen schnellen, technisch versierten Spieler auf. Werner fehlte allerdings die Durchschlagskraft und so konnte sich die mexikanische Defensive sehr tief postieren, ohne Gefahr zu laufen, durch eine präzise Flanke ins Hintertreffen zu geraten. Auch die Schüsse aus der Distanz waren zu harmlos.

In diesem Standbild erkennt man gut, dass Mexiko die Flügel auch mit sieben relativ offen lässt und sich absolut auf die Zentrale konzentriert. Frühe Flanken aus dem Halbfeld sind bei einem Mittelstürmer wie Timo Werner nicht zu befürchten und auch die deutschen Außenspieler Müller und Draxler ziehen bevorzugt ins Zentrum, wodurch sich dort wenig Platz bietet. Ein Tempodribbler wie Leroy Sané hätte hier durchaus eine neue Facette ins deutsche Offensivspiel bringen können.


Bezeichnend ist an dieser Szene, dass Marvin Plattenhardt auf der linken Seite völlig außer Acht gelassen wird. Auch der Seitenwechsel nach Rechts, wo Joshua Kimmich bereit steht nachdem Thomas Müller seinen Gegenspieler in die Mitte gezogen hat, wird nicht in Erwägung gezogen. Stattdessen endet der Angriff in einem harmlosen Fernschuss von Toni Kroos.

Wir wünschen Nachbesserung

Die Niederlage gegen Mexiko ist sicher kein Beinbruch. Gegen die vermeintlich leichteren Gruppengegner Schweden und Südkorea kann das deutsche Team weiterhin den Einzug ins Achtelfinale klar machen. Dafür ist jedoch mehr Variabilität in der Offensive nötig. Das Startelfdebüt von Marco Reus auf links könnte genauso dafür sorgen wie der Einsatz von Mario Gomez, der körperlich deutlich besser als alleiniger Stürmer ins System passt als der schnelle Timo Werner. Auch ein Einsatz von Werner auf der linken Seite für Julian Draxler wäre durchaus denkbar.

Defensiv muss die Abstimmung besser werden. Mit Jonas Hector, der das heutige Spiel wegen einer Grippe kurzfristig verpasste, erhält die linke Seite mehr Stabilität. Zudem müssen die Abstände zwischen defensivem Mittelfeld und Innenverteidigung besser werden. Es ist durchaus denkbar, dass Sami Khedira nach seinem schwachen Spiel gegen Mexiko seinen Posten für Ilkay Gündogan räumen muss, der beim englischen Meister Manchester City auch defensiv zu überzeugen wusste.

Bei den aufgezeigten Schwächen handelt es sich insgesamt um Probleme, die Weltmeistertrainer Joachim Löw in den fünf freien Tagen bis zum nächsten Spiel durchaus lösen kann. Die Mission Titelverteidigung ist deshalb noch lange nicht beendet.