Tag 2: Kreischen statt Frank Turner

So toll der Sonntagabend in der Dublin Academy war, so ernüchternd war die Nachricht, die mich Am Montagnachmittag von dort erreichte: Das für heute geplante zweite Konzert von Frank Turner musste abgesagt werden. Deshalb führte mich die Suche nach Alternativen kurzerhand zu einem Teenie-Idol.

Geschichtsunterricht beim Stadtspatziergang

Bevor es soweit kam, ging es für mich jedoch zunächst zu einer Free Walking Tour, die mittlerweile in vielen touristisch interessanten Städten angeboten wird. Dabei erkundet man zu Fuß eine Stadt und wird dabei von einem Guide geführt, der diese Stadt auch tatsächlich lebt und bezahlt am Ende der Tour nur das Trinkgeld, das man für angemessen erachtet. In meinem Fall habe ich einen Guide erwischt, der nicht nur im Herzen Dublins geboren wurde und dort aufgewachsen ist, sondern auch die Geschichte Irlands weitergibt.

Die Geschichte Dublins wurde gar bis zu den Wikingern nacherzählt, sodass die Tour äußerst lehrreich war. Auch der demographische Wandel Irlands ist spannend. Auf der grünen Insel gab es bis ins Ende der 90er Jahre kaum Immigration, da das Land selbst relativ arm war. Erst durch den EU-Beitritt und den damit verbundenen wirtschaftlichen Aufbau wurde Irland für Immigranten attraktiv. Mittlerweile ist die Diversifizierung im einst streng christlichen Dublin förmlich zu spüren. Natürlich durften auch die Sehenswürdigkeiten wie das Dublin Castle nicht fehlen.

Absagen als Teil des Konzerterlebnisses

Direkt nach der Tour kam jedoch die eingangs beschriebene Hiobsbotschaft: Der Auftritt von Frank Turner am Abend wurde abgesagt. Grund hierfür ist eine Infektion, die sich Frank vor dem Tourstart in Manchester eingefangen hat. Stimmlich war das bereits auf dem ersten Dublinkonzert zu hören, doch Frank ist normalerweise hart im nehmen und lässt sich oftmals auch von Verletzungen nicht davon abhalten, auf der Bühne 110% zu geben. Diesmal war es aber wohl zu riskant.

Natürlich sind solche Absagen besonders als Teil einer längeren Reise ärgerlich. Auf der anderen Seite sind auch Musiker nur Menschen, sodass eine derartige Situation schlichtweg unvermeidlich ist. Einer Maschine würde ich vor der Bühne wahrscheinlich nicht zujubeln. Zudem wird auch die Stimme bei einem Infekt in Mitleidenschaft gezogen. Da ich Frank Turner auch in 20 Jahren hinterherreisen will, bin ich nicht allzu böse.

Zur Arena? Einfach dem Kreischen folgen

Eine Alternative musste her. Der Blick auf Dublins Veranstaltungskalender verriet, dass in der 13.000 Menschen fassenden 3Arena ein ausverkauftes Konzert von Harry Styles stattfindet. Ein Mitglied der Boygroup One Direction, das nach nur einem veröffentlichen Album eine Halle dieser Größe füllt? Eigentlich interessant.

Die Youtube-Recherche verlief überraschend überzeugend und offenbarte eine enorme Bühnenproduktion sowie rockigen Livesound. Der Blick auf den Ticketpreis von 67 EUR sowie die Ausverkauft-Meldung könnten nun eigentlich abschrecken. Doch wer auch mal spontan ein Konzert besucht, der weiß: Preise am Tag des Konzerts sind relativ und „ausverkauft“ ist nur ein Wort ohne jede Bedeutung. So war es auch diesmal. Nach kurzer Suche vor der Halle konnte ich eine halbe Stunde vor Konzertbeginn ein Stehplatz-Ticket für 20 EUR ergattern – nicht schlecht, für einen Künstler dieser Größe.

Die Sängerin „Mabel“, die als Support-Act auftrat, lieferte mit einem Cover von Coldplays Fix You einen ganz ordentlichen Start in den Abend. Auch ihren Hit „Finders Keepers“ hat man irgendwo mal gehört. Der Kreischlevel war zu diesem Moment an der Grenze des Erträglichen. Das war allerdings auch kein Wunder, denn das Publikum war bestand zu 95% aus Mädchen im Alter von 16-21.

Als Harry Styles die Bühne betragt, gab es dann kein halten mehr. Äußerst euphorisch wurde das iPhone gezückt und zielsicher mit dem Filmen begonnen. Powerbank sei Dank stellt heutzutage auch der Akku kein Hindernis mehr dar, Halleluja.

Musikalisch war der Abend jedoch sehr gut. Wie während der Youtube-Recherche vermutet bringt Harry Styles weniger langweiligen Pop und mehr eingängigen Rock für große Arenen auf die Bühne. Die Bühne an sich war das in meinem Fall relativ geringe Eintrittsgeld ebenfalls wert – die Produktion kann man durchaus als allererste Sahne bezeichnen.

Ob aus mir ein großer Fan wird ist indes fraglich. Dafür ist der reguläre Ticketpreis zu hoch, die Hallen zu Beginn der Karriere zu groß und das verliebte Teenie-Publikum deutlich zu anstrengend. Und während es musikalisch absolut nichts auszusetzen gibt, ist Harry Styles zu sehr Popstar und zu wenig Rocker. Das zeigt sich bei jeder Interaktion mit dem Publikum. Wer sich selbst davon überzeugen möchte, wird sicher auf Youtube fündig, denn das Konzert wurde gefühlt aus 5.000 Perspektiven auf iPhones jeder Größe aufgezeichnet.

Nach dem kleinen Letdown und der Konzertabsage geht es heute zunächst quer übers Land an die Atlantikkiste zu den weltberühmten Cliffs of Moher. Anschließend steht der erste größere Ortswechsel an . Zu Bett gehe ich heute Abend bereits in Belfast, wo morgen ein hoffentlich genesener Frank Turner im Limelight Club auftritt.